No 2024 – Antiolympia goes Schanzenfest

Das diesjährige Straßenfest im Schanzenviertel lebt den antiolympischen Gedanken:
Viele antiolympische Disziplinen sollen auf dem und um das Fest herum ausgetragen werden. Wie immer ist das Schanzenfest kein fertiges Event, sondern eine Plattform für alle, die eigene Sportarten und andere Beiträge veranstalten wollen. Aber natürlich wird es auch Musik, Information, Essen, Trinken und Anwohner*innen-Flohmarkt geben.
Das Schanzenfest ist weiterhin unangemeldet und unkommerziell – professionelle Stände sind unerwünscht. Solidarischer Umgang und kein rassistisches, sexistisches, homophobes oder sonstiges Scheißverhalten sollte selbstverständlich sein. Auch in diesem Jahr wird von den Ständen auf dem Schanzenfest eine Spende erwartet. Das Fest wird am 6.9. stattfinden – auch in diesem Jahr an einem Sonntag und wieder in der Bartels-, Schanzen-, Ludwig- und Sternstraße.

Hamburg träumt von Olympia
Eine erfolgreiche Bewerbung um die Olympischen Spiele soll Hamburg auf einen Platz in der ersten Reihe der europäischen Metropolen katapultieren. Die ganz große Koalition aus Senat und (fast) der gesamten parlamentarischen Opposition sowie Handelskammer und Co. will den Standort voranbringen. Wirtschaftsvertreter*innen, vor allem solche, die von Olympia profitieren, setzen sich an die Spitze der Kampagne. Polizei und Sicherheitskräfte erhoffen sich ein nie dagewesenes Upgrade ihrer Ausstattung. Medien, stadteigene Firmen und von der Stadt finanzierte Organisationen wie Sportvereine ziehen mehr oder weniger willig mit. Das hoch auflösende und gebetsmühlenartig reproduzierte Image von Hamburgs Olympiabewerbung soll dem Selbstbild der Stadt entsprechen: hanseatisch, sportlich, grün, nachhaltig und voll demokratisch.In dieser Atmosphäre des zunehmenden lokalpatriotischen Besoffenseins haben es Kritiker*innen und Argumente gleichermaßen schwer. Deshalb fassen wir die zentralen Punkte gegen Olympia in Hamburg und anderswo hier nochmal kurz zusammen:

Olympia ist ein Dutzend Elbphilharmonien
Mit Kosten im zweistelligen Milliardenbereich muss gerechnet werden, einschließlich Bau und Umbau von Sport- und weiteren Anlagen, Infrastruktur, „Sicherheit“, Organisation und Marketing. Allein die Verlegung der Hafenbetriebe vom Kleinen Grasbrook wohin auch immer soll bis zu sieben Milliarden kosten. In der Vergangenheit wurde stets allein das vom Staat zu tragende Budget gegenüber den Planungen erheblich, teilweise mehrfach, überschritten.
Eine Stadt, die nicht in der Lage ist, Flüchtlinge menschenwürdig unterzubringen, sollte sich beim Bau olympischer Dörfer und Luftschlösser möglichst zurückhalten. Das gesparte Geld wird in sozialen und Bildungsprojekten sinnvollere Verwendung finden.

Olympia ist eine Gelddruckmaschine
Mit Olympia wird jedoch auch viel Geld verdient. Übertragungsrechte, Lizenzen, Eintrittsgelder, Sponsorenkohle im Austausch für lukrative Liefer-, Ausrüstungs- und Lizenzverträge summieren sich zu Milliardengewinnen des IOC und der beteiligten Firmen. Mit der Aura einer Ehrenamtlichkeit, die längst der Vergangenheit angehört, hat sich die moderne Milliardenindustrie Olympia in eine Parallelwelt verwandelt, die sich ihre Regeln selbst gibt. Nicht nur die FIFA, auch das IOC ist seit Jahrzehnten in Schmiergeldzahlungen von Möchtegern-Austragungsorten und Sportartikelfirmen verwickelt.
Auch in Hamburg (oder einer anderen Stadt) wird es Olympiagewinner*innen geben: vor allem die Baubranche, ebenso alle, die bereits jetzt vom Tourismus profitieren. Diese Effekte sind jedoch kurzfristig, der Hauptgewinn wird in der Optimierung des Standorts und derVerbesserung seines Images gesehen.

Katalysator der Gentrifizierung
Reicher werden durch Olympia vor allem Immobilienbesitzer*innen: So gab es in London im Vorfeld der Spiele Mietsteigerungen, die das bisherige Niveau um das Mehrfache übertrafen. Negative Folgen für die Menschen, die schon vorher dort lebten, gehören zu Olympia wie die Ringe. Die Erwartung enormer Profite durch Mieterhöhungen führt zur Verdrängung ansässiger Bewohner*innen und Läden. Die Umstrukturierung und „Aufwertung“ vor allem in Veddel und Wilhelmsburg wird sich beschleunigen und intensivieren. Am stärksten betroffen sind ökonomisch schwache, marginalisierte und meist ohnehin unerwünschte Personen: Menschen ohne Wohnung und/oder gültigen Aufenthaltsstatus, Sexarbeiter*innen, Drogenkonsumierende.

Das größte Gefahrengebiet der Welt
Die gerichtlich als verfassungswidrig erklärten Gefahrengebiete werden mit Olympia auf einer höheren Ebene stattfinden: Hamburg wird, wie sämtliche Austragungsorte der letzten Jahre, zu einem Hochsicherheitstrakt mit drastisch eingeschränkten Rechten ausgebaut. In einem internen Senatspapier werden 1,38 Milliarden € für Sicherheit veranschlagt: Kameraüberwachung soll für 120 Millionen € ausgebaut (und wahrscheinlich nachher nicht wieder abgebaut) werden, über 10000 Polizeibeamte sowie 4000 Sicherheitskräfte mit Polizeibefugnissen sollen eingesetzt werden. Weiterhin gehören 2 km Sonderzonen um alle Sportstätten, faktische Demonstrationsverbote und auch Einsatz des Militärs zum Arsenal der olympischen Sicherheit.

Nachhaltige Spiele gibts nicht
Dies gilt sowohl für die ökologische Nachhaltigkeit: durch Olympia und generell jegliche Megaevents entstehen Umweltbelastungen, die sich auch durch den aktuell üblichen Trend zum Greenwashing nicht schönreden lassen. Allein die Anreise vieler tausend Teilnehmer*innen und Gäste, so gut wie ausschließlich mit dem Flugzeug, hinterlässt einen dicken CO2-Fußabdruck. Auch wenn für die Sportstätten nicht wie in Brasilien der Regenwald gerodet wird, sind Versiegelung weiterer Flächen, erhöhtes Verkehrsaufkommen, Lärm, Müll etc. durchaus olympische Disziplinen.
Ebenso ist die Nachhaltigkeit der neugebauten Sportstätten und sonstigen Anlagen mehr als fragwürdig und trotz vielfacher Versprechen entstehen Investitionsruinen, die nachher nicht mehr genutzt werden, aber weiterhin enorme Unterhaltskosten verursachen – und das trotz des erbärmlichen Zustands vieler Sportanlagen der Vereine vor Ort.
Eine nachhaltige Lösung wäre, die Olympischen Spiele dauerhaft nach Olympia, Griechenland zurückzuverlegen. Alle Sportstätten würden langfristig genutzt und mit der Rückzahlung der Markengewinne aus über 100 Jahren durch das IOC wären auch die griechischen Staatsschulden zügig bezahlt.

Feuer und Flamme für Hamburg
Nichtsdestotrotz rollt die Begeisterungsmaschine durch die Stadt, um bei einer „Volks“befragung eine Mehrheit für dieses Projekt zusammen zu bekommen. Dieses von oben verordnete Referendum soll – bevor das ganze Ausmaß des olympischen Spektakels überhaupt absehbar ist – die Bewerbung einmal abnicken und im Weiteren dem Senat und langfristig dem IOC freie Hand für alle Planungen geben. Darüber hinaus lehnen wir diese Art Beteiligungszirkus, der stets Privilegien festschreibt und Ausschlüsse erzeugt, auch grundsätzlich ab.

Dennoch ist es durchaus möglich, dass die Hamburger*innen nicht dem guten Beispiel der Menschen in München und Garmisch-Partenkirchen und demnächst wohl auch Boston, Rom und Paris folgen und mehrheitlich für den Verzicht auf eine Bewerbung stimmen. Sollten also Olympische Spiele außer in Diktaturen und postsozialistischen Parteistaaten auch noch in Hamburg durchführbar sein, nehmen wir die Herausforderung sportlich. Wir kennen uns aus mit dem Widerstand gegen Gentrifizierung und Gefahrengebiete. Für ein eventuelles Olympia 2024 melden wir schon kurz nach Bewerbungsschluss jeden Tag eine Demo an – wir freuen uns auf 16 Tage und Nächte antiolympischer Aktionen und Proteste. Und beim Schanzenfest üben wir schon mal.

Wir rufen die Jugend der Welt jeden Alters, alle Gipfelstürmerinnen und Abstiegskandidaten, Turnbeutelvergesser und Drückebergerinnen, Haus-, Platz- und Baumbesetzerinnen, Brillenschlangen und Bücherwürmer, Deser- und Saboteur*innen: Nehmt die Turnschuhe aus dem Schrank und den Arsch vom Sofa, bringt das ganze Team mit und alle Fans! Macht mit bei den antiolympischen Sportarten auf dem Schanzenfest und organisiert selber welche: Klobürstenstaffellauf, Hürdenradrennen, Mehlbombenwerfen beim großen Hönkelfinale. Und bei der Sieger*innenehrung im Sonnenuntergang sind sich alle einig: Dabeigewesensein ist alles!

No 2024 – für ein Olympia des Widerstands!

Kontakt: antiolympics@nadir.org | Info: www.aosf.blogsport.de